Bericht von einem Treffen junger Menschen, die als Sprecher:innen der Landesjugendkonferenz Sachsen die Jugendhilfe verändern wollen.

Die Sonne scheint, es ist kalt. Wir sind im Erzgebirge – der nächste größere Ort ist viele Kilometer weit weg. Es ist das zweite Wochenende, an dem sich der Sprecher:innenrat der Landesjugendkonferenz Sachsen trifft. Wen zieht es hierher die sächsische Provinz? Viele Wander:innen ziehen vorbei am Selbstversorgerhaus. Truthähne stehen etwas abseits. Es ist Februar.

Zum Beispiel Jasmin – sie war einige Jahre in einer Wohngruppe in Dresden untergebracht und studiert nun. Oder Alfons – er lebt in einer WG in Ostsachsen. Josie kommt aus dem Vogtland und ist die Freundin von Leon – beide leben in einer Wohngruppe. Und sechs andere junge Menschen. Sie alle sind gewählt worden vom Plenum der Landesjugendkonferenz und sollen alle jungen Menschen vertreten, die in der sächsischen Jugendhilfe leben. Die Wahl fand im August des letzten Jahres statt. Da war es noch warm. Beinahe heiß.

Heiß waren auch die Debatten damals. Rund 60 junge Menschen, die alle in der Jugendhilfe lebten, diskutierten über ihre Erfahrungen mit Wohngruppen. Das war das Jahrestreffen. Das erste seiner Art in Sachsen. Viel an Unzufriedenheit war da spürbar – jede und jeder hatte Geschichten zu erzählen. Von Taschengeld, was nicht ausgezahlt wurde. Von Fachkräften, die keine Privatsphäre zugestehen. Von Gruppenbestrafungen. Von Drohungen, rausgeworfen zu werden. Dabei sind 30 Forderungen herausgekommen.

Und nun soll der Sprecher:innenrat diese Themen bearbeiten. Aber wie? Organisationen wissen, wie so etwas geht. Aber was, wenn es noch keine wirkliche Organisation gibt? Bisher hat die Landesjugendkonferenz keine Satzung, keine Verfassung, keine Geschäftsordnung oder ähnliches. Alles muss entwickelt werden: Wer darf sprechen? Wie treffen wir Entscheidungen? Wer darf mit der Presse reden? Wer bezahlt die Fahrkarte? Alles Fragen, die nun entschieden werden müssen. Und so setzten sich Josie, Jasmin, Alfons und all die anderen zusammen und entwickeln eine Selbstvertretungsstruktur.

Niemand hat so etwas schon einmal getan: eine Organisation aufbauen. Fast einen ganzen Tag geht es nur darum: Wie soll die Satzung aussehen? Dafür hat Elsa mehrere Satzungen anderer Jugendorganisationen herausgesucht. Elsa ist Sozialpädagogin und begleitet mit Sarah und Björn gemeinsam die Landesjugendkonferenz. Etwas mehr als eine Stelle haben sie dafür. Die drei teilen sich die Stelle. Und so etwas wie Satzungen raussuchen, ausdrucken und mitbringen ist Teil ihrer Arbeit. Noch viel mehr gehört natürlich dazu: Kontakte zu den Sprecher:innen halten, Konzeptionen schreiben, Fahrkarten buchen, trösten und Mut machen. Nur inhaltlich steuern dürfen sie nicht. Das liegt bei den Sprecher:innen. Das Land Sachsen fördert die Landesjugendkonferenz seit 2022.

Unter großem Applaus ist gegen Abend die Satzung endlich fertig. Alle sind irgendwie zufrieden. Es war ein hartes Stück Arbeit. Und sie sind total im Zeitverzug; eigentlich sollte das schon zum Mittag fertig sein. Also gibt es kein Mittag, nur eine kurze Pause und weiter geht es.

 

Viermal im Jahr treffen sich die Sprecher:innen zu solch einem Wochenende. Häufig auch mal zwischendurch in Videokonferenzen. Digital wird es auch abends nochmal. Ein Institut soll eine Studie erstellen zu „Hilfen zur Erziehung“ in Sachsen. Dafür wollen sie junge Menschen befragen, die in Einrichtungen leben. Der Fragebogen steht, nun soll es einen Test geben mit jungen Menschen. Also gehen Leon, Josie und Alfons nochmal zwanzig Minuten die Fragen der Forscherin durch. Viele Hinweise haben die drei für die Wissenschaftlerin – sie arbeitet die Fragen nochmal um.
Zwischendurch: Essen kochen (klar – Nudeln), die Spülmaschine einräumen, nochmal einkaufen fahren, gemeinsam lachen, auf das Jahrestreffen zurückschauen (wir müssen das Alter senken!), von der eigenen Ausbildung erzählen.

Jess regt sich auf, dass alle an ihre Erfahrungen als Careleaverin ranwollen, sie auf und in Seminare Tagungen einladen – kaum aber wird eine Aufwandsentschädigung angeboten. Das ist doch ungerecht! Mindestens bei zehn Veranstaltungen waren Sprecher:innen im vergangenen halben Jahr eingeladen. Von Dresden über Hamm bis Koblenz, durch die ganze Republik. Dort sitzen dann Fachkräfte in ihrer Arbeitszeit und lauschen jungen Menschen, die von den Zuständen in der Jugendhilfe berichten. Dann kommen Fragen zur persönlichen Geschichte und prompt bist du drin in der Emotion. Du fährst zurück nach Hause, denkst weiter drüber nach, es geht dir nicht gut. Nächsten Tag musst du dich dann krank melden bei deiner Ausbildung, weil die Gedanken nicht mehr aufhören. Solche Geschichten hören Elsa, Sarah und Björn häufiger. Sie denken drüber nach, wie sie Sprecher:innen schützen können.

Zurück ins Erzgebirge. Das Abendbrot ist verspeist. Natürlich wurde zuviel gekocht – „das nehmen wir morgen in die WG mit“. Kurze Pause. Anschließend will die Runde spielen: Werwolf. Alle sitzen im Kreis, drei Mörder:innen sind inkognito unter ihnen, in jeder Runde sterben Dorfbewohner:innen, die restlichen überlegen, wer von ihnen in der Nacht tötet. Zwei Runden siegen die Werwölfe, in der letzten bringt das Dorf die Werwölfe zur Strecke. Schwarzer Humor. So lässt sich vieles besser ertragen.

Die Nacht ist kurz, zum Frühstück sind die Sprecher:innen wieder pünktlich. Alle wissen nun, wer wie laut schnarcht und welche Betten quietschen. Nur rund die Hälfte hat gut geschlafen. Trotzdem geht es weiter: Das Sozialministerium hat Interesse, die 30 Forderungen in einer Art Ausstellung zu zeigen.

Also überlegt die Gruppe, wie das gehen kann. Wie formulierst du Kritik und stellst Forderungen auf, ohne die Gesprächspartner:innen gegen dich aufzubringen? Klar wird: Die Forderungen müssen gut formuliert sein. Es braucht mehr Text, als in der Jahrestagung entstanden ist. Also werden die in Gruppen nochmal überarbeitet. Parallel arbeitet ein Teil der Gruppe daran, einen Workshop zum Umgang mit LGBTQIA+ zu planen. Stattfinden soll er am nächsten Wochenende in der Nähe von Frankfurt, wenn sich rund 70 Sprecher:innen aus verschiedenen Bundesländern treffen. Ein bundesweites Treffen – schließlich ist das SGB VIII auch ein Bundesgesetz: Was muss sich da tun?

Das Taschengeld soll erhöht werden, da sind sich alle einige einig. Auch eine Forderung aus der Jahrestagung. Die Runde tauscht sich aus, wie viel sie bekommen. Erst letztes Jahr ist es erhöht worden und reicht trotzdem nicht. Vor allem aber bekommen nicht alle ihr volles Taschengeld. Es wird aus „erzieherischen Gründen“ einbehalten, abgezogen als Strafe oder zwangsweise angespart. Alles das ist ungesetzlich – ein entsprechendes Rundschreiben gibt es vom Landesjugendamt. Aber das wird in vielen Einrichtungen einfach ignoriert. Was also tun? Die Runde entscheidet sich, den stellvertretenden Vorsitzenden des Landesjugendhilfeausschuss zum nächsten Wochenende einzuladen.

Es drängt nämlich die Zeit. Mittags müssen sie aus dem Haus raus. Also werden ein paar Themen schnell verhandelt: Wann trifft sich die Runde mit der Heimaufsicht? Die sind nämlich zuständig dafür, dass alles in den Einrichtungen mit rechten Dingen zugeht. Was es nicht tut. Das Landesjugendamt ist bereit zu einem Treffen, auf dem die Sprecher:innen sagen wollen, worauf die Betriebserlaubnis achten muss. Björn soll sich um einen Termin kümmern.

Dann ein Highlight: Die Sprecher:innen wollen zehn Einrichtungen auslosen und besuchen. Die Idee ist, die Landesjugendkonferenz bekannter zu machen. Sarah hat rund 500 Einrichtungen in Sachsen gefunden und daraus Lose gemacht. Nun ziehen die Sprecher:innn reihum zehn von ihnen aus der Lostrommel. Das Begrüßungsschreiben formuliert die Gruppe im Anschluss. Schon im Mai werden alle Sprecher:innen in die Einrichtungen fahren und dort mit den jungen Menschen sprechen.
Und dann ist die Runde eigentlich fertig. Aufräumen noch, dann Essen gehen in Chemnitz und dann ab nach Hause – alle in unterschiedlichen Richtungen. Sie werden sich in zwei Monaten wiedertreffen. Möge es bis dahin wärmer geworden sind. Auf der Rückfahrt scheint die Sonne ins Auto. Geht doch.